Kirche unterm Regenbogen – Vielfalt als Geschenk

Am Abend des 10. November füllte sich der Saal unserer Gemeinde mit etwas mehr als dreißig Besucherinnen und Besuchern, die sich zu einem Thema eingefunden hatten, das uns seit dem Gemeindefest intensiv beschäftigt: Wie wollen wir als Gemeinde mit Vielfalt umgehen – mit Menschen, die anders glauben, leben und lieben?

Gast des Abends war Pater Jan Korditschke SJ, Jesuit, Seelsorger und geistlicher Begleiter- Nach seinem Eintritt in den Jesuitenorden studierte er Philosophie und Theologie, arbeitete viele Jahre in der Citypastoral und engagiert sich heute besonders für eine offene, menschenfreundliche Kirche. Seine Biografie ist geprägt von der Überzeugung, dass Glauben ohne Mut kein Glauben ist.

Wir begannen den Abend mit einem Gedankenexperiment als Türöffner, mit einer einfachen, aber tiefwirkenden Frage:
Wie würden wir reagieren, wenn ein schwules Paar in unser Viertel zöge und in unserer Gemeinde ehrenamtlich mitarbeiten wollte?

Diese Frage, so alltäglich sie scheint, berührt den Kern kirchlicher Selbstverständnisse und Ängste. Auch wenn sie von den Anwesenden durchweg positiv beantwortet wurde, so machte sie spürbar, wie sehr eine offene Haltung im Alltag herausfordert und wie notwendig diese Herausforderung auch ist.

Pater Korditschke berichtete eindrücklich von seinen eigenen Erfahrungen: wie man ihm erklärte, homosexuelle Menschen könnten keine Kommunion empfangen, weil sie „in Sünde“ lebten. Wie Taufbücher nicht geändert werden dürfen, wenn eine Person ihr Geschlecht ändert. Und wie das „Nein“ zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare für ihn persönlich zum Wendepunkt wurde.

Mit der Beteiligung an der Aktion „Liebe gewinnt“, bei der Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare öffentlich gefeiert wurden, wollte er eine Mauer durchbrechen: die Mauer aus Angst, Schweigen und Scham, die queere Menschen in der Kirche seit Jahrzehnten begleitet.

2022 erschien die ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“. Sie zeigte etwas, das in der Kirche lange verdrängt wurde: Queere Menschen sind da und sie waren schon immer da. Sie sind Pastoralreferentinnen, Priester, Kirchenmusiker, Verwaltungsangestellte – und sie mussten sich bislang unsichtbar machen und verstecken.

Aus den zunächst 120 Menschen, die sich öffentlich outeten und für eine menschlichere Kirche eintraten, wurden rasch über 650. Sie gründeten die Initiative „Out in Church“ und formulierten sieben zentrale Forderungen:

  1. Keine arbeitsrechtlichen Nachteile mehr aufgrund sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder Partnerschaftsform.
  2. Anerkennung queerer Identitäten als Teil der Schöpfung und der Vielfalt menschlichen Lebens.
  3. Segnungen für alle Paare, die sich lieben und eine verbindliche Partnerschaft leben.
  4. Keine Pflicht zur Verschwiegenheit über die eigene Identität im kirchlichen Dienst.
  5. Schutzräume und Ressourcen für queere Menschen in allen kirchlichen Arbeitsbereichen.
  6. Eine theologische Neubewertung von Sexualität, Partnerschaft und geschlechtlicher Vielfalt.
  7. Transparente Aufarbeitung von Diskriminierungen, einschließlich institutioneller Verantwortung.

Ein Ergebnis dieses mutigen Auftretens ist bereits sichtbar: Das kirchliche Arbeitsrecht wurde reformiert und geöffnet. Ein Schritt, der noch vor wenigen Jahren unvorstellbar schien.

Auch Papst Franziskus, und nach ihm Papst Leo, haben klargestellt: Alle Menschen sind in der Kirche willkommen. Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wird heute, wenn auch unter Bedingungen und mit Einschränkungen, als möglich angesehen.

Dennoch gibt es weiterhin Widerstände. Manche berufen sich darauf, dass eine homosexuelle Orientierung der „göttlichen Ordnung“ widerspreche. Aus dem Plenum hieß es hierzu, dass es eben unterschiedliche „Entwicklungsstufen“ gäbe, auf denen sich Menschen in Glaubensfragen bewegen. Nicht jeder steht an derselben Stelle, nicht jeder geht im gleichen Tempo.

Da das Erzbistum Berlin seinen Priestern die Entscheidung über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare weitgehend selbst überlässt, können Gemeinden sich dieser Frage nicht entziehen. Sie müssen – und dürfen – eigene Positionen entwickeln, sie reflektieren und dies auch nach außen vertreten.

Kirche, so Korditschke, sei eher ein lebendiger Organismus als ein starres Gebäude. Eher ein Baum, der langsam wächst, als ein Monument aus Stein. Veränderungen brauchen Zeit. Aber sie kommen, wie etwa die späte Anerkennung der Religionsfreiheit im Zweiten Vatikanischen Konzil, ein Wendepunkt nach Jahrhunderten.

„Was wäre denn das Schlimmste, das passieren könnte, wenn wir in diesem Thema vorangehen?“, fragte jemand aus dem Publikum.

Pater Korditschkes Antwort war ebenso klar wie nüchtern:
„Das Schlimmste wären die Spannungen, die dadurch in der Kirche entstehen könnten.“

Doch Spannungen sind nicht das Ende, sondern der Anfang von Entwicklung. Sie lassen sich aushalten, wenn man das Ziel im Blick behält: eine Kirche, die Menschen nicht sortiert, sondern begleitet; die nicht abgrenzt, sondern ermutigt; die den Regenbogen nicht als Provokation, sondern als Geschenk versteht.

Vielfalt ist kein Problem, das „gelöst“ werden muss. Vielfalt ist ein Geschenk, das angenommen werden will. Und eine Kirche, die sich diesem Geschenk öffnet, wird selbst reicher:  menschlich, geistlich und demokratisch.

Marcus Bartelt für die AG Öffentlichkeitsarbeit

Pater Jan Korditschke SJ